Eine visuelle Erklärung
Mitfühlen vs. Fürfühlen – und warum es wichtig ist
Informelle Zusammenfassung basierend auf den Forschungsergebnissen von Tania Singer und Olga M. Klimecki. Für den genauen Kontext verweisen wir auf die Originalveröffentlichung .
Das Wichtigste, was man aus diesem Artikel mitnehmen sollte
Als Forscher Menschen darin schulten, sich stärker in Leid hineinzuversetzen, fühlten sie sich schlechter. Als sie dieselben Menschen anschließend in Mitgefühl schulten, kehrten sich die negativen Gefühle um – und das Gehirn aktivierte ein völlig anderes neuronales Netzwerk. Empathie und Mitgefühl sind nicht dasselbe. Das eine zehrt an den Kräften, das andere stärkt sie.
Diese Unterscheidung – bestätigt durch bildgebende Verfahren des Gehirns, Verhaltensforschung und Trainingsstudien – hat weitreichende Konsequenzen für jeden, dem das Wohl anderer am Herzen liegt. Empathische Belastung führt zu Rückzug. Mitgefühl führt zu Handeln. Und entscheidend ist, dass die Fähigkeit zu Mitgefühl gezielt trainiert werden kann, sogar innerhalb weniger Tage.
Empathie gilt seit Langem als Tugend – die Fähigkeit, die Gefühle anderer zu spüren, ihr Leid zu teilen und von ihrem Schmerz berührt zu werden. Doch Mitgefühl und Fürsorge sind zwei ganz unterschiedliche Dinge. Die Wissenschaft hat nun einen Weg gefunden, sie zu unterscheiden.
Als Menschen sind wir ein hochsoziales Wesen. Um unser gemeinsames Handeln zu koordinieren und eine erfolgreiche Kommunikation zu gewährleisten, nutzen wir Sprache, um Informationen explizit zu vermitteln, und soziale Fähigkeiten wie Empathie, um die Gefühle und den mentalen Zustand anderer zu erfassen. Empathie ermöglicht es uns, die positiven wie negativen Gefühle anderer gleichermaßen nachzuempfinden – wir können die Freude anderer teilen und ihr Leid nachempfinden, wenn wir mit jemandem mitfühlen, der Schmerzen hat. Wichtig ist, dass man bei Empathie zwar mit jemandem fühlt, sich aber nicht mit dem anderen verwechselt – man weiß weiterhin, dass das Gefühl, mit dem man mitfühlt, das Gefühl des anderen ist. Fehlt diese Unterscheidung zwischen Selbst und Anderem, spricht man von emotionaler Ansteckung, einer Vorstufe der Empathie, die bereits bei Babys vorhanden ist.
Während geteiltes Glück ein sehr angenehmer Zustand ist, kann das Teilen von Leid mitunter schwierig sein – insbesondere dann, wenn die Grenze zwischen Selbst und anderen verschwimmt. Dies kann besonders für Menschen in helfenden Berufen, wie Ärzte, Therapeuten und Pflegekräfte, eine Herausforderung darstellen. Um ein übermäßiges Teilen von Leid zu verhindern, das zu Belastung führen kann, kann man dem Leid anderer mit Mitgefühl begegnen. Doch was genau beinhaltet dieser Wandel? Und lässt er sich erlernen? Tania Singer und Olga Klimecki haben sich genau dieser Frage gewidmet.
Zwei Reaktionen, die Empathie hervorrufen kann, wenn wir jemandem begegnen, der leidet
Pfad 1
AUCH GENANNT
Empathische Anteilnahme, Mitgefühl
ORIENTIERUNG
Fremdorientiert – Mitgefühl statt Verbundenheit.
EMOTIONALE QUALITÄT
Wärme, Fürsorge, Anteilnahme – verwurzelt in positiven Gefühlen
VERHALTENTENDENZ
Annäherung und prosoziale Motivation – der Impuls zu helfen
GESUNDHEITLICHE ERGEBNISSE
Verbunden mit positiven Gefühlen, Resilienz und guter Gesundheit
Pfad 2
AUCH GENANNT
Persönliche Belastung
ORIENTIERUNG
Selbstbezogen – das Leid des anderen wird zum eigenen.
EMOTIONALE QUALITÄT
Abstoßend und überwältigend – verwurzelt in negativen Gefühlen
VERHALTENTENDENZ
Rückzug – der Impuls, sich vor dem Gefühl zu schützen
GESUNDHEITLICHE ERGEBNISSE
Wird mit Stress, Burnout und einer schlechten Gesundheit im Laufe der Zeit in Verbindung gebracht
Empathische Belastung ist eine starke, abstoßende und selbstbezogene Reaktion auf das Leid anderer, begleitet vom Wunsch, sich aus einer Situation zurückzuziehen, um sich vor übermäßigen negativen Gefühlen zu schützen. Mitgefühl hingegen wird als Anteilnahme am Leid anderer verstanden, verbunden mit der Motivation zu helfen. Folglich ist es mit Annäherungs- und prosozialem Verhalten assoziiert. Während sich Belastung nach innen richtet, wendet sich Mitgefühl nach außen.
Die Forschungen von Daniel Batson und Nancy Eisenberg im Bereich der Sozial- und Entwicklungspsychologie bestätigten, dass Menschen, die in einer bestimmten Situation Mitgefühl empfinden, häufiger helfen als Menschen, die unter Empathie-Defizit leiden. Entscheidend ist, dass Daniel Batsons Arbeit zeigte, dass das Ausmaß des Mitgefühls gesteigert werden kann, indem man die Teilnehmenden explizit anweist, mit der betroffenen Person mitzufühlen – ein Beweis dafür, dass diese Fähigkeit nicht angeboren, sondern veränderbar ist. Mitgefühl ist also nicht einfach eine Charaktereigenschaft, die man hat oder nicht hat. Es ist eine trainierbare Fähigkeit.
Die Begriffe selbst tragen diese Unterscheidung in ihrer Etymologie. Das Wort Empathie stammt vom griechischen Wort „empatheia “ (Leidenschaft), zusammengesetzt aus „en“ (in) und „pathos“ (Gefühl). Es gelangte über den deutschen Begriff „ Einfühlung “ ins Englische, der ursprünglich die Resonanz mit Kunstwerken beschrieb und erst später auf die Resonanz zwischen Menschen übertragen wurde. Der Begriff Mitgefühl leitet sich vom lateinischen „com“ (mit/zusammen) und „pati“ (leiden) ab. Trotz ihrer gemeinsamen Wurzeln in der Idee des Mitfühlens bezeichnen sie zwei sehr unterschiedliche Reaktionen auf Leid.
Wenn man sich den Zeh stößt, werden bestimmte Hirnregionen aktiviert – darunter die vordere Inselrinde und der vordere mittlere cinguläre Cortex (aMCC) . Neuroimaging-Studien haben wiederholt und in verschiedenen Laboren gezeigt, dass viele dieser Regionen auch aktiviert werden, wenn man jemandem beim Zehenstoßen zusieht. Das Gehirn trennt also nicht klar zwischen eigener und stellvertretender Erfahrung. Wir spüren den Schmerz anderer in denselben neuronalen Strukturen wie unseren eigenen.
Diese „gemeinsamen neuronalen Netzwerke“ wurden inzwischen nicht nur für Schmerz, sondern auch für Berührung, Ekel, Geschmack und soziale Belohnung nachgewiesen. Metaanalysen dutzender Studien bestätigen, dass die anteriore Inselrinde und der anteriore mediale Cingulum (aMCC) die beständigsten Knotenpunkte dieses Empathie-Netzwerks für Schmerz sind – sie werden sowohl aktiviert, wenn wir selbst leiden, als auch wenn wir Leid beobachten.
Doch die Stärke dieser empathischen Aktivierung ist nicht festgelegt. Sie wird davon beeinflusst, wer die andere Person ist und wie wir zu ihr stehen. Studien aus Singers Labor zeigten, dass das Beobachten des Leidens eines wahrgenommenen Gruppenmitglieds – beispielsweise eines Fans desselben Fußballvereins – eine stärkere Aktivierung der vorderen Inselrinde hervorrief als das Beobachten des Leidens eines Fremdgruppenmitglieds. Ebenso löst die Beobachtung einer Person, die sich zuvor fair verhalten hatte, eine stärkere empathische Hirnreaktion aus als die Beobachtung einer Person, die sich unfair verhalten hatte. Die Empathie unseres Gehirns ist kein einfacher Spiegel. Sie ist selektiv und wertend.
Entscheidend ist, dass dieses Signal der vorderen Inselrinde nicht nur ein Maß für empfundene Empathie ist – es ist prädiktiv. Je stärker die empathische Hirnreaktion eines Teilnehmers ausfiel, desto wahrscheinlicher war es, dass er im Anschluss altruistisches Hilfsverhalten zeigte. Die empfundene und die Verhaltensreaktion sind auf neuronaler Ebene miteinander verknüpft.
Wenn Empathie unsere Standardreaktion auf das Leid anderer ist, muss Mitgefühl erst entwickelt werden. Die am häufigsten untersuchte Methode hierfür ist das Training der liebenden Güte – eine meditationsbasierte Praxis, die ihre Wurzeln in der buddhistischen Kontemplationstradition hat und heute auch in der säkularen Forschung intensiv untersucht wird.
Die Übung wird in Stille durchgeführt. Dabei visualisiert man systematisch eine Reihe von Menschen – beginnend mit einer sehr nahestehenden Person, dann Bekannte, Fremde und schließlich sogar schwierige Personen – und entwickelt gegenüber jedem Einzelnen Gefühle von Wärme, Freundlichkeit und Wohlwollen. Ziel ist es, die Fähigkeit zu stärken, anderen aufrichtig Gutes zu wünschen, bis diese Haltung zur Gewohnheit wird und nicht mehr so anstrengend ist.
Die Effekte sind gut dokumentiert. Forschungen von Barbara Fredrickson und Kollegen zeigten, dass ein mehrwöchiges regelmäßiges Mitgefühlstraining die selbstberichteten positiven Gefühle der Teilnehmenden steigerte, ihre persönlichen Ressourcen erweiterte und ihr Wohlbefinden im Alltag verbesserte. Die Vorteile beschränkten sich nicht nur auf das Innere – sie wirkten sich auch nach außen aus. Neuere Arbeiten aus Singers eigenem Labor belegten, dass Teilnehmende, die ein Training in liebender Güte und Mitgefühl absolvierten, im Vergleich zu einer Kontrollgruppe häufiger Fremden in einem speziell entwickelten Computerspiel halfen. Je mehr Zeit die Teilnehmenden mit dem Üben von Mitgefühl verbrachten, desto stärker nahm ihre rein altruistische Hilfeleistung – im Gegensatz zu Hilfeleistungen auf Gegenseitigkeit – zu. Mitgefühlstraining macht Menschen nicht nur normkonformer, sondern scheint die prosoziale Motivation tatsächlich zu vertiefen.
Die Auswirkungen reichen über das Individuum hinaus. Chronischer empathischer Stress, insbesondere bei Menschen in helfenden Berufen, ist eine der Hauptursachen für Burnout. Mitgefühlstraining bietet hier einen möglichen Gegenpol: Es ermöglicht, offen für das Leid anderer zu bleiben, ohne davon überwältigt zu werden. Mitgefühl statt Mitgefühl erweist sich als nachhaltiger und wirksamer.
Empathietraining und Mitgefühlstraining aktivieren unterschiedliche – und weitgehend nicht überlappende – neuronale Systeme.
Nach dem Empathietraining
WICHTIGE REGIONEN AKTIVIERT
Vordere Inselrinde (AI) und vorderer mittlerer cingulärer Cortex (aMCC) – Regionen, die mit der unmittelbaren Erfahrung von Schmerz und negativen Emotionen in Verbindung stehen
VERÄNDERUNG BEEINFLUSSEN
Verstärkte negative Gefühle – die Teilnehmer fühlen sich schlechter , je stärker die empathische Resonanz mit dem Leiden wird.
FUNKTIONELLE ROLLE
Erfasst und teilt die emotionale Qualität des Leidens anderer – das „Mitfühlen“-Netzwerk
Nach dem Mitgefühlstraining
WICHTIGE REGIONEN AKTIVIERT
Medialer orbitofrontaler Kortex (mOFC), ventrales Striatum/Nucleus accumbens (VS/NAcc) und VTA/Substantia nigra – die Belohnungs- und positiven Motivationssysteme des Gehirns
VERÄNDERUNG BEEINFLUSSEN
Gesteigerte positive Stimmung – die Teilnehmer fühlen sich besser , selbst während sie Aufnahmen von leidenden anderen sehen.
FUNKTIONELLE ROLLE
Erzeugt Fürsorge, Wärme und prosoziale Motivation – das „Mitgefühl“-Netzwerk
Lange Zeit konzentrierte sich die neurowissenschaftliche Empathieforschung auf die Kartierung der zugrundeliegenden Systeme. Eine neuere und wohl wichtigere Frage lautet: Sind diese Systeme veränderbar? Die Antwort – sowohl aus verhaltenspsychologischer als auch aus neurowissenschaftlicher Sicht – lautet: Ja.
Erste Hinweise lieferten Querschnittsstudien, die langjährige Meditierende mit Anfängern verglichen. Untersuchungen von Antoine Lutz und Richard Davidson ergaben, dass erfahrene Meditierende bei Konfrontation mit belastenden Geräuschen eine erhöhte Aktivierung der mittleren Inselrinde im Vergleich zu Anfängern zeigten – ein Hinweis darauf, dass jahrelange kontemplative Praxis ihre Fähigkeit, sich in das Leid anderer hineinzuversetzen, verändert hatte.
Überzeugendere Belege lieferten Längsschnittstudien aus Singers Labor. Teilnehmer ohne Meditationserfahrung wurden vor und nach einem Empathie- bzw. Mitgefühlstraining gescannt, während sie Filmausschnitte mit Darstellungen des Leidens anderer ansahen. Die Ergebnisse waren verblüffend. Das Empathietraining – mehrtägiges Üben, sich in die Gefühle anderer hineinzuversetzen – erhöhte die Aktivierung der anterioren Inselrinde und des anterioren medialen cingulären Cortex (aMCC) und verstärkte die negativen Gefühle der Teilnehmer. Das Training zeigte Wirkung: Die Teilnehmer entwickelten eine gesteigerte Empathiefähigkeit. Diese verbesserte Empathie ging jedoch auf Kosten ihres eigenen emotionalen Zustands.
In einer entscheidenden Folgestudie durchliefen dieselben Teilnehmer ein Mitgefühlstraining. Dieses Training kehrte die negativen Auswirkungen des Empathietrainings um – es reduzierte negative Gefühle und verstärkte positive – und aktivierte dabei ein völlig anderes, nicht damit überlappendes Hirnnetzwerk, dessen Zentrum im medialen orbitofrontalen Kortex und im ventralen Striatum liegt. Das Mitgefühlstraining schwächte die empathische Fähigkeit nicht; es wirkte ihren negativen Folgen entgegen.
Dies ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis der Studie: Empathie und Mitgefühl sind nicht dasselbe, sie aktivieren unterschiedliche Hirnregionen, und der Wechsel zwischen den beiden lässt sich gezielt fördern. Das soziale Gehirn ist formbar. Wie wir auf das Leid anderer reagieren, ist in erheblichem Maße eine erlernte Fähigkeit.
Chronischer empathischer Stress führt mit hoher Wahrscheinlichkeit zu negativen gesundheitlichen Folgen. Mitfühlende Reaktionen hingegen basieren auf positiven, auf andere ausgerichteten Gefühlen und der Aktivierung prosozialer Motivation und Verhaltensweisen. Die Erkenntnis, dass dieser Wandel möglich und trainierbar ist, ist besonders bedeutsam für Menschen in helfenden Berufen wie Ärzten, Therapeuten und Pflegekräften oder generell in stressigen Umgebungen.
Mitgefühlstraining fördert nicht nur prosoziales Verhalten, sondern stärkt auch positive Gefühle und Resilienz, was wiederum die Bewältigung stressiger Situationen erleichtert. Dadurch eröffnen sich vielfältige Möglichkeiten zur gezielten Entwicklung adaptiver sozialer Emotionen und Motivation. Das soziale Gehirn ist also genau in die Richtung formbar, die am wichtigsten ist.
Die bisherige Forschung hat den Kernunterschied überzeugend belegt. Was nun offen bleibt, ist Gegenstand laufender Untersuchungen. Wie lange halten die Effekte von Mitgefühlstraining an? Können sie nicht nur die Gehirnfunktion, sondern auch die Gehirnstruktur – die tatsächliche Anatomie des sozialen Gehirns – verändern? Welche Neurotransmitter sind in diesen verschiedenen Netzwerken aktiv? Und wann ist das optimale Entwicklungsfenster für das Erlernen dieser Fähigkeiten – gibt es eine Phase in der Kindheit oder Jugend, in der ein solches Training besonders prägend sein könnte?
Diese Fragen deuten auf ein übergeordnetes Ziel hin: eine emotionale Bildung, die über das bloße Wissen um Gefühle hinausgeht und deren bewusste Steuerung beinhaltet. Singers und Klimeckis Ansatz legt nahe, dass es sich dabei nicht um naiven Idealismus handelt. Das soziale Gehirn ist formbar. Die Frage ist lediglich, wie und in welchem Alter wir es fördern.
Die Erkenntnis, dass Empathie und Mitgefühl – psychologisch, verhaltensbezogen und neurologisch – unterschiedliche Phänomene sind, ist mehr als nur eine akademische Entdeckung. Sie rückt eine Frage in den Vordergrund, die sich die meisten von uns nie gestellt haben: Wenn ich auf jemanden reagiere, der Schmerzen hat, fühle ich dann mit ihm oder für ihn? Der Unterschied mag gering erscheinen. Doch im Gehirn, im Körper und im Moment des Handelns macht er den entscheidenden Unterschied.
Basierend auf: Singer, T., & Klimecki, OM (2014). Empathie und Mitgefühl. Current Biology , 24(18), R875–R878.
Erstellt für die Born to Flourish-Community.